Daniel 9, 4-19 (Alfred Christlieb)

Ein dreifacher Stützpunkt für das Gebet.

Ich betete aber zu dem HERRN, meinem Gott, bekannte und sprach: Ach lieber HERR, du großer und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade hältst denen, die dich lieben und deine Gebote halten: wir haben gesündigt, unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten gewichen.

Wir gehorchten nicht deinen Knechten, den Propheten, die in deinem Namen unsern Königen, Fürsten, Vätern und allem Volk im Lande predigten. Du, HERR, bist gerecht, wir aber müssen uns schämen; wie es denn jetzt geht denen von Juda und denen von Jerusalem und dem ganzen Israel, denen, die nahe und fern sind in allen Landen, dahin du sie verstoßen hast um ihrer Missetat willen, die sie an dir begangen haben. Ja, HERR, wir, unsre Könige, unsre Fürsten und unsre Väter müssen uns schämen, daß wir uns an dir versündigt haben. Dein aber, HERR, unser Gott, ist die Barmherzigkeit und Vergebung.

Denn wir sind abtrünnig geworden und gehorchten nicht der Stimme des HERRN, unsers Gottes, dass wir gewandelt hätten in seinem Gesetz, welches er uns vorlegte durch seine Knechte, die Propheten; sondern das ganze Israel übertrat dein Gesetz, und sie wichen ab, daß sie deiner Stimme nicht gehorchten. Darum trifft uns auch der Fluch und Schwur,
der geschrieben steht im Gesetz Moses, des Knechtes Gottes, weil wir an ihm gesündigt haben. Und er hat seine Worte gehalten, die er geredet hat wider uns und unsre Richter, die uns richten sollten, daß er so großes Unglück über uns hat gehen lassen, daß desgleichen unter dem ganzen Himmel nicht geschehen ist, wie über Jerusalem geschehen ist.

Gleichwie es geschrieben steht im Gesetz Moses, so ist all dies große
Unglück über uns gegangen. So beteten wir auch nicht vor dem HERRN, unserm Gott, daß wir uns von den Sünden bekehrten und auf deine Wahrheit achteten. Darum ist der HERR auch wach gewesen mit diesem Unglück und hat’s über uns gehen lassen. Denn der HERR, unser Gott, ist gerecht in allen seinen Werken, die er tut; denn wir gehorchten seiner Stimme nicht. Und nun, HERR, unser Gott, der du dein Volk aus Ägyptenland geführt hast mit starker Hand und hast dir einen Namen gemacht, wie er jetzt ist: wir haben ja gesündigt und sind leider gottlos gewesen. Ach HERR, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berge. Denn um unsrer Sünden willen und um unsrer Väter Missetat willen trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her sind. Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen, und siehe gnädig an dein Heiligtum, das verstört ist, um des HERRN willen. Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tue deine Augen auf und sieh, wie wir verstört sind und die ganze Stadt, die nach deinem Namen genannt ist.

Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet, nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Ach HERR, höre, ach HERR, sei gnädig, ach HERR, merke auf und tue es, und verzieh nicht um deiner selbst willen, mein Gott! denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.

Als Daniel sein Gebet vor Gott brachte, befand sich sein Vaterland in einem trostlosen Zustand. Gottes Gerichte lagen auf dem Volk Israel. Nirgends konnte ein menschliches Auge Hilfe erblicken. Daniel machte sich auf, für sein Vaterland betend einzutreten. Aber, woraufhin sollte er wagen, für das Volk einzutreten? In dessen Zustand lag nichts, worauf Daniel sich bei der Fürbitte hätte stützen können. Keinerlei Besserung des Volkes, keine Änderung in der Gesinnung der Feinde war zu merken. Doch siehe: Trotz alledem hat Daniel einen dreifachen Ankergrund für sein Gebet gefunden:

1. Daniel stützt sich auf das Wort Gottes.

Eine Verheißung im Buch Jeremia (Vers 2) gibt ihm die Freudigkeit, vor Gott zu treten. Statt über die traurigen Verhältnisse seiner Zeit zu grübeln, liest er aufmerksam in seiner Bibel. Er findet ihre Wahrheit überall bestätigt. Der Anblick der furchtbaren Gerichte Gottes macht ihm die Zuverlässigkeit des göttlichen Wortes noch fester und gewisser.
Immer wieder betont er, dass dieses Wort sich genau erfüllt (Vers 11 – 13). Je dunkler die Zeitlage war, desto heller leuchtet Gottes Wort.

Auf dieses Wort dürfen auch wir uns stützen. Wohl allen, die sich Licht geben lassen über seine Herrlichkeit und Wahrheit! Sie haben den Trost und Anker, der allein in dieser Zeit hilft und beten lehrt.

2. Daniel stützt sich auf die Barmherzigkeit Gottes.

Er erkennt richtig Gottes gerechten, heiligen Zorn über die Sünde und Gottes Erbarmen über den Sünder, der sich zu ihm bekehren will. Dieses Verständnis gibt ihm Freudigkeit und Wahrheit zum erfolgreichen Beten. Statt wider Gott zu hadern, gibt er Gott auf der ganzen Linie recht und beugt sich unter all sein Tun. Er bekennt sein und seines Volkes Sünde, die dieses Gericht nötig machten, und dann – fleht er um Erbarmung, Vergebung und Gnade.

Hier liegt ein Hinweis auch für uns. Wenn alle Türen verschlossen scheinen, so weiß der Glaube, daß für ein wahrhaft bußfertiges Gebet immer noch ein Türlein geöffnet ist. Wenn ein demütiger Beter nicht auf seine Gerechtigkeit, sondern auf Gottes große Barmherzigkeit sich stützt, so hat er einen Ankergrund, der nie versagt.

3. Daniel stützt sich auf die Ehre Gottes.

Gott hat sich selbst einen Namen gemacht durch die Ausführung Israels aus Ägypten (Vers 15). Er hat Jerusalem „seine Stadt“ und Israel „sein Volk“ genannt (Verse 16–19). Das macht Daniel Mut zu sagen: „Herr, verzieh nicht um deiner selbst willen.“Daniel weiß, daß er so zum Ziel kommt. Gott kann seinen Namen nicht in Unehre lassen. Daniel erkennt, daß die Ehre des Namens Gottes eine Erhörung seines Gebetes nötig macht. Das gibt ihm bei aller Demut doch eine heilige Festigkeit, die sich nicht abweisen
lassen kann.

Daniel wurde so der Beter, der mehr zuwege brachte als alle klugen Politiker seiner Zeit. Er war ein Mann, der den Himmel in Bewegung setzte von seinem Kämmerlein aus, indem er sich auf Gottes Wort, Gottes Erbarmen und Gottes Ehre stützte.

Wohl uns, wenn wir in seine Fußstapfen treten!

Quelle:

Ich aber bete – Gebetsbetrachtungen. Von Alfred Christlieb. Druck und Verlag: Adolf Reuter, Wiehl (Bez. Köln), 2. Auflage 1936.

Über den Verfasser: siehe Arno Pagel: Alfred Christlieb. Beter und Schriftforscher (Aus der Reihe Zeugen des gegenwärtigen Gottes, Bd. 59/60). Brunnen-Verlag, Gießen, 1953.


Übersicht: Der Prophet Daniel

Eingestellt am 7. September 2026

Christliche Lieder aus sieben Jahrhunderten