Geht hin, ihr gläubigen Gedanken (Hermann, Württ. Gesangbuch 1864 #56)

II. Lieder von Gott.

Die Ewigkeit ist die Quelle der Zeit. Das Heil in der Erscheinung Christi ist der Mittelpunkt der Zeit. Die Erlösung, die Seligkeit der Gläubigen ist die Folge, der Strahlenkreis der Offenbarung Christi. Darum liegt das christliche Leben als eine Stiftung Gottes schon vor der Zeit in seinem ewigen Ratschluß.

1) Geht hin, ihr gläubigen Gedanken,
Ins weite Feld der Ewigkeit;
Erhebt euch über alle Schranken
Der alten und der neuen Zeit;
Erwägt, daß Gott die Liebe sey,
Die ewig alt und ewig neu.

2) Der Grund der Welt war nicht geleget,
Der Himmel war noch nicht gemacht,
So hat Gott schon den Trieb geheget,
Der mir das Beste zugedacht;
Als ich noch nicht geschaffen war,
Da reicht‘ er schon mir Gnade dar.

3) Sein Rathschluß war: Ich sollte leben
Durch seinen eingebor’nen Sohn;
Den wollt‘ er mir zum Mittler geben,
Den sandt‘ er mir von seinem Thron,
In dessen Blute soll ich rein,
Geheiliget und selig sein.

4) Wie wohl ist mir, wenn mein Gemüthe
Empor zu dieser Quelle steigt,
Von welcher sich ein Strom der Güte
Zu mir durch alle Zeiten neigt,
Daß jeder Tag sein Zeugniß gibt:
Gott hat mich je und je geliebt!

5) Wer bin ich unter Millionen
Der Kreaturen seiner Macht,
Die in der Höh‘ und Tiefe wohnen,
Daß er mich bis hieher gebracht!
Ich bin ja nur ein dürres Blatt,
Ein Staub, der keine Stätte hat. (Ps. 8, 4 etc.)

6) Ja, freilich bin ich zu geringe
Der herzlichen Barmherzigkeit,
Womit, o Schöpfer aller Dinge,
Mich deine Liebe stets erfreut;
Ich bin, o Vater, selbst nicht mein,
Dein bin ich, Herr, und bleibe dein!

7) Im sichern Schatten deiner Flügel
Find‘ ich die ungestörte Ruh.
Der feste Grund hat dieses Siegel:
Wer dein ist, Herr, den kennest du!
Laß Erd‘ und Himmel untergehn:
Dieß Wort der Wahrheit bleibet stehn.

8) Wenn in dem Kampfe schwerer Leiden
Der Seele Muth und Kraft gebricht,
So salbest du mein Haupt mit Freuden,
So tröstet mich dein Angesicht;
Da spür‘ ich deines Geistes Kraft,
Die in der Schwachheit alles schafft.

9) Die Hoffnung schauet in die Ferne
Durch alle Schatten dieser Zeit;
Der Glaube schwingt sich durch die Sterne
Und sieht in’s Reich der Ewigkeit.
Da zeigt mir deine milde Hand
Mein Erbtheil und gelobtes Land.

10) O sollt‘ ich dich nicht ewig lieben,
Der du mich unaufhörlich liebst?
Sollt‘ ich mit Undank dich betrüben,
Da du mir Fried‘ und Freude gibst?
Verließ‘ ich dich, o Menschenfreund,
So wär ich selbst mein ärgster Feind!

11) Ach, könnt‘ ich dich nur besser ehren:
Welch edles Loblied stimmt‘ ich an!
Es sollten Erd‘ und Himmel hören,
Was du, mein Gott, an mir gethan!
Nichts ist so köstlich, nichts so schön,
Als, Höchster Vater, dich erhöh’n.

12) Doch nur Geduld, es kommt die Stunde,
Da mein durch dich erlöster Geist
Im höhern Chor mit frohem Munde
Dich, Quell der Liebe, schöner preist;
D’rum eilt mein Herz aus dieser Zeit
Und sehnt sich nach der Ewigkeit.

Liedtext: Johann Gottfried Hermann (1707-1791)
Melodie: 1714, bei J.A. Freylinghausen „Mein Jesus lebt. Was soll ich sterben?“
Andere Melodie: 1738, Johann Balthasar König (1691-1758)

Johann Gottfried Hermann (* 12. Oktober 1707 in Altjeßnitz, Provinz Sachsen; † 30. Juli 1791 in Dresden) war ein deutscher lutherischer Theologe und sächsischer Oberhofprediger sowie Oberkonsistorialrat. In Plauen erarbeitete er ein 1742 veröffentlichtes neues vogtländisches Gesangbuch.

Weblinks und Verweise

Johann Gottfried Herrmann bei Wikipedia (DE)

Lied Nr. 94: Evangelisch-Lutherisches Gesangbuch von Wisconsin und anderen Staaten, erschienen bei Georg Brumder, Milwaukee/Wisconsin, 1872.

Lied Nr. 1, in: Deutsches Kirchenliederbuch oder die Lehre vom Kirchengesang. Praktische Abtheilung. Ein Beitrag zur Förderung der wissenschaftlichen und kirchlichen Pflege des Kirchenliedes so wie der häuslichen Erbauung von J.P. Lange, Dr. und ordentlichem Professor der Theologie an der Universität zu Zürich. Zürich, Verlag von Meyer und Zeller, 1843. (Seite 471f. – Digitalisat in der Google Buchsuche)

Lied Nr. 16, in: Gesangbuch für die evangelische Kirche in Württemberg, Schmuckausgabe (Verlagskontor des evangelischen Gesangbuchs, Stuttgart 1912; Umfang 13 Strophen)

Notensatz, 4stimmig, ohne Liedtext (König, pdf, externer Link zu Hymnary.org)

Audiofile der Melodie (König, midi, mp3, jeweils externe Links zu Hymnary.org)


Erstellt am 2. Oktober 2026

Christliche Lieder aus sieben Jahrhunderten